„I understand, that there is a work that each of us must do within ourselves that makes more possible for the collective. And I am daunted by the fractal understanding that we will not be able to claim something as a collective that we have not been in the practice of claiming for ourselves, in our bodies, with our time and our decisions, in our communication.”

Das Gesturing Towards Decolonial Futures Kollektiv schreibt: “the modern colonial system has limited the ways we can see, feel, relate, desire, heal and imagine” Wir sind so eingeschränkt vom hegemonialen kapitalistischen Diskurs, dass wir keine Wege sehen können, die aus dem Schlamassel, in dem wir stecken herausführen. Was, wenn wir uns noch nicht einmal die Zukünfte vorstellen können, die wir so sehr brauchen?

Wie kommen wir aus dieser Falle heraus? Wir denken, dass ein wichtiger Schlüssel in den großzügigen Ansätzen vom GTDF und von den anderen Denker*innen liegt. Darin, Beziehungen mit uns selbst und mit unserer Umwelt ernst zu nehmen und nicht zu vergessen, dass wir ein Teil davon sind. Denn transformieren können wir uns nicht im Vakuum und alleine. Transformation findet immer in Beziehungen statt. Uns ist vollkommen klar, dass die persönliche Befreiung aufs engste verwoben ist mit der Befreiung von allen. Das unterscheidet diese Ansätze auch von Selbsthilfegruppen und individualisierten Angeboten für Persönlichkeitsentwicklung. Beziehungen und die „geliebte Community“ stehen im Zentrum.

In unseren Körpern und auf den Straßen*

Ein weiterer Aspekt ist, unsere Körper ernst zu nehmen. Denn wie Sonya Renee Taylor schreibt, prägt  die Beziehung mit uns selbst und unseren eigenen Körpern unsere Beziehung mit anderen. Wir können nur schwer ehrliche und tiefe Beziehungen mit anderen eingehen, wenn wir selbst keine gute Beziehung zu uns selbst haben. Und echte und starke Beziehungen sind die Webe-Fäden von Bewegungen. 

Wenn wir nicht erkennen, wie kapitalistische Arbeitsmoral in uns wirkt, und der Entspannung, des Schlafes beraubt, uns damit in ein immer verzweifeltes Anrennen gegen „das was uns kaputt macht” treibt, dann können wir uns nur abstrakt und konzeptionell dagegen organisieren. Aber wenn wir diese Mechanismen erkennen und uns darüber austauschen können, dann können wir sie transformieren und eine Stärke entwickeln, die uns Kraft gibt, uns zu organisieren, ohne auszubrennen. Weil wir uns und andere mit großer Zärtlichkeit und Liebe halten und auf uns selbst und unsere Grenzen achtgeben. 

Radikale Visionen „at the margins”

Und drittens kultivieren adrienne maree brown und friends radikale Visionen von der Zukunft, in ihren Konversationen, in ihren politischen Projekten, in ihrem Alltag. Diese Zukunft, nach der sie und wir uns zutiefst sehnen, ist eine antikapitalistische Zukunft, eine Welt der Fülle, in der Menschen Zugang und Freude, Vergnügen, Genuss erfahren, eine Welt in der Frieden und transformative Gerechtigkeit herrscht. Berena Yogarajah schreibt, dass wir dazu an die Ränder gehen müssen: 

„Das gute Leben für alle wird nur mit der Perspektive der Marginalisierten das geile Leben für alle. Viele Zutaten für den Geschmack der Utopie befinden sich »at the margins«. Erst dann, wenn wir die politischen Perspektiven und Praxen der marginalisierten Communities kennen, wird Bewegung zum Tanz.”

Indem wir uns locker machen und verstehen, dass Transformation im Hier und Jetzt stattfindet, können wir in und mit unseren Organisierungen auf diese Welt zugehen. Wir können anfangen, sie selbst so zu verkörpern, so unvollständig das möglich ist. Zuzulassen, dass das Unerwartete passiert, Räume zu schaffen, in denen wir tanzen UND plenieren können, sich gegenseitig dabei unterstützen, faul, abtrünnig, wild, laut zu sein. Und das, ohne aus dem Blick zu verlieren, welche Kräfte gegen solch eine Welt arbeiten. Eine unserer Aufgaben kann an dieser Stelle sein, Raum zu schaffen und zu halten und immer wieder zu der Frage zurückzukehren, wie eine gemeinsame Befreiung möglich gemacht werden kann und was die Praxen sind, um sie schon jetzt erlebbar zu machen? 


*Diesen Satz haben wir vom Kollektiv „in our bodies on the streets” entlehnt.